Prof. Dr. med Rainer Weber Arzt für HNO-Heilkunde | Nasennebenhöhlen  |  Allergologe  |  Plastische Operationen

Die endonasale Chirurgie der Stirnhöhle - Stirnhöhlendrainagen Typ I und II | Seite 2

Recessus frontalis

Von wesentlicher Bedeutung ist die komplexe Anatomie des Recessus frontalis, in den die SHD einmündet. Der Recessus frontalis wird nach vorn begrenzt vom Processus frontalis der Maxilla, nach lateral von der Lamina papyracea, die mediale Wand ist die laterale Wand der Fossa olfactoria. Das Dach wird von der Fovea
ethmoidalis (Siebbeindach) gebildet, die Hinterwand von der aufsteigenden Lamelle der Bulla ethmoidalis. Abhängig davon, ob diese an der Schädelbasis ansetzt, wird ein Recessus suprabullaris geformt, der dann zum Recessus frontalis gehört. In ihm kann in diesem Fall die A. ethmoidalis anterior verlaufen, die in bis zu 43% der Fälle unterhalb der Schädelbasis verläuft und in bzw. direkt hinter der Verlängerung der Bulla ethmoidalis zu finden ist. Die Pneumatisation der Agger-nasi-Zellen bestimmt die Ausdehnung der Spina nasalis („frontal beak“). Bei großer Agger-nasi-Zelle ist dieser Knochen klein und umgekehrt. Entsprechend wird hierdurch der anterior-posteriore Durchmesser der SHD bestimmt.
Nach Wormald ist die Agger-nasi-Zelle der Schlüssel, der den Recessus frontalis aufschließt. Üblicherweise verläuft der Drainageweg medial oder posterior der frontoethmoidalen Zellen, die dann entsprechend nach lateral und vorn auf sicherem Wege frakturiert und entfernt werden können, womit die SHD erweitert wird.

Spina nasalis

Nach Groß et al 1998 [9] findet sich eine relevante Spina nasalis in 97% der Fälle mit einer Höhe von durchschnittlich 10 mm und einer Tiefe von durchschnittlich 6 mm. Je kleiner der nasofrontale Winkel, desto ausgedehnter ist die Spina. Durch Erweiterung des natürlichen Stirnhöhlenostiums mittels eines scharfen Löffels
nach Kuhn-Bolger in anteriorer Arbeitsrichtung konnte ein Zugang mit einer durchschnittlichen Breite von 5,3 mm (2,0–9,0 mm) und einer Tiefe von 6,9 mm (3,0–12,0 mm) geschaffen werden. Bei 91% der Präparate war der erreichte Zugang tiefer als breit. Der posteriore Rand des auf diese Weise angelegten Stirnhöhlenzugangs lag durchschnittlich 8,8 mm (0–19 mm) vor der A. ethmoidalis anterior. In 72% der Fälle war die Arterie durch eine Siebbeinzelle vom Stirnhöhlenzugang entfernt.

Abb. 1 Anatomisch wichtige Strukturen für die endonasale endoskopische Stirnhöhlenchirurgie im koronalen CT. a Agger-nasi-Zelle rechts, b K1-Zelle rechts, c K3-Zelle rechts, d „interfrontal sinus septal cell“, e Processus uncinatus mit beidseits lateraler Insertion: der Drainageweg verläuft medial des Processus uncinatus
Abb. 1
Anatomisch wichtige Strukturen für die endonasale endoskopische Stirnhöhlenchirurgie im koronalen CT. a Agger-nasi-Zelle rechts, b K1-Zelle rechts, c K3-Zelle rechts, d „interfrontal sinus septal cell“, e Processus uncinatus mit beidseits lateraler Insertion: der Drainageweg verläuft medial des Processus uncinatus

Wahl des optischen Hilfsmittels

Schon 1992 hatten Draf u. Weber die Vor- und Nachteile von Mikroskop und Endoskop diskutiert und damals die Kombination empfohlen [5].

Nachteile des mikroskopischen Vorgehens

  • Nachteilig ist das einhändige Arbeiten, wenn kein selbsthaltender Spekulum-Arm oder ein das Spekulum haltender Assistent vorhanden sind. Auch endoskopisch besteht allerdings bei eigener Führung des Endoskops nur ein einhändiges Arbeiten. Nur die 4-Hand-Technik nach Simmen gewährt ein beidhändiges Arbeiten. Andererseits muss betont werden, dass sowohl bei einhändiger mikroskopischer als auch endoskopischer Arbeit, wie sie der Autor durchgeführt hat bzw. durchführt, nahezu das gesamte Spektrum der endonasalen Nasennebenhöhlenchirurgie ohne erkennbar erhöhte Komplikationsrate durchführbar ist .

  • Mit dem Mikroskop ist nur ein direkter Geradeausblick in das Nasennebenhöhlensystem möglich, so dass ein direkter Einblick in die Stirnhöhle üblicherweise unmöglich ist. Es muss deshalb der Processus frontalis
    maxillae zurückgeschliffen werden, um Einblick in den unteren Anteil der Stirnhöhle zu erhalten. Damit wird ein erhebliches Gewebetrauma geschaffen, dass zum Erreichen des Operationsziels oder zur Sanierung eines pathologischen Prozesses meist nicht notwendig ist, sondern nur dem optischen Hilfsmittel Mikroskop geschuldet war. Ohne Einsatz des Bohrers können in sehr vielen Fällen die frontoethmoidalen, die SHD beeinträchtigenden Siebbeinzellen nicht gesehen und damit zielgerichtet entfernt werden. Mit dem konsequenten Bohrereinsatz konnten trotzdem jedoch relativ gute Ergebnisse erzielt werden [28], wahrscheinlich, weil eine größere Öffnung der SHD erzielt wurde.

  • Der Einsatz des Spekulums führt meist zur zusätzlichen Verletzung der Aufhängung und Schleimhaut der mittleren Muschel.

  • Eine Vielzahl operativer Revisionen wegen Stirnhöhlenproblemen, insbesondere nach mikroskopisch
    durchgeführter Siebbein- und „Stirnhöhlen“chirurgie ist auf die unvollständige Ethmoidektomie mit belassenen Siebbeinzellen und -zellresten zurück zu führen, insbesondere wenn eben nicht der Bohrer intensiv eingesetzt wurde. Rezidivierende Entzündungen aufgrund der narbig verengten
    oder okkludierten Siebbein- und Stirnhöhlendrainage verursachen nicht nur eine erhebliche Morbidität
    für den Patienten, sondern führen nicht selten zu einem Knochenanbau auch in den belassenen Eierschalen, so dass Revisionsoperationen auch dadurch deutlich erschwert sind.

  • Insbesondere bei Revisionsoperationen an den Stirnhöhlen muss dringend davon abgeraten werden, diese erneut mikroskopisch durchzuführen, außer es wird der direkte Einblick mittels Wegbohrens großer, meist gesunder Knochenareale erreicht, was heute nicht mehr empfohlen werden kann. Der ansonsten fehlende direkte Einblick in die Stirnhöhle, die Notwendigkeit, die entscheidenden Teile der Operation blind und ohne sichere Sicht auf die obstruierenden Siebbeinzellen durchzuführen, führt zu einer höheren Gefährdung des Patienten sowie einer höheren Misserfolgsrate der Revisionsoperation.

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© Prof. Dr. med. Rainer Weber, Karlsruhe