Prof. Dr. med Rainer Weber Arzt für HNO-Heilkunde  |  Allergologe  |  Plastische Operationen

Infektiöse Mononukleose (Seite 2)

Seltene Krankheitsverläufe

Selten kann sich eine EBV-Infektion auch neurologisch als Meningitis, Enzephalitis oder mehrere Wochen nach Krankheitsbeginn als Guillain-Barre-Syndrom manifestieren. Noch seltener ist die EBV-Myokarditis. EBV ruft auch ein lymphoproliferatives Syndrom nach Knochenmarks- bzw. allogenen Stammzelltransplantationen hervor, das unbehandelt tödlich verläuft. Grundsätzlich können alle Organe und Organsysteme betroffen sein.

Eine milde Thrombozytopenie (100,000 - 150,000 Thrombozyten/mm3) findet sich bei 25-50 % aller Patienten, meist während der zweiten und dritten Krankheitswoche. Eine schwere Thrombozytopenie (< 20,000 Thrombozyten/mm3) mit und ohne Hämorrhagien ist dagegen selten (0,05-0,2%; Jenson 2000; Pipp et al 1997). 
Die Zeitdauer bis zu einer stabilen Remission kann zwei Wochen (Hsiao 2000), aber auch bis über drei Monate dauern (Pipp et al., 1997). Die Letalität bei schwerer EBV-assoziierter Thrombozytopenie kann bis 5,4 % betragen (2 von 37 Patienten) (Pipp et al. 1997). Ein Grossteil der EBV-assoziierten Thrombozytopenie dürfte einer immunthrombozytopenischen Purpura (ITP, Autoantikörper gegen Thrombozytenbestandteile) entsprechen (Pipp et al. 1997). 
In Abhängigkeit von der Schwere der Thrombozytopenie und der klinischen Symptomatik (Purpura) sind anfänglich Untersuchungen in kurzen Abständen empfehlenswert. Diese Abstände müssen im Einzelfall von dem behandelten Arzt entschieden werden und können zwischen 2 – 5 Tagen bis zu wöchentlichen Abständen liegen. Sobald die Thrombozytenwerte wieder im Normalbereich liegen, sind keine weiteren Kontrollen sinnvoll.
 

Latente Infektion

Während die meisten B-Lymphozyten produktiv-lytisch infiziert werden, kommt es bei einigen zur latenten Infektion und Immortalisierung. Die Zellen stehen jedoch beim immunkompetenten Menschen lebenslang unter der Kontrolle der T-Lymphozyten. Infektreaktivierungen bleiben meist subklinisch. Der Krankheitsverlauf endet fatal bei primär Infizierten, die an einem Immundefekt leiden, z.B. X-proliferatives Syndrom der Kinder. Im Fall einer später auftretenden Immunstörung kann ein immortalisierter B-Zellklon zu einem Lymphom auswachsen, wie das bei AIDS-Patienten häufig geschieht. 1962 beschrieb der englische Tropenarzt D. Burkitt ein spezielles Lymphom, das M. Epstein und Y. M. Barr mit der lymphotropen Herpesvirusinfektion assoziiert haben. Darüber hinaus wird eine Rolle des EBV auch bei anderen Lymphomen und der Lymphogranulomatose Hodgkin diskutiert.
Gut untersucht ist die Assoziation der EBV-Infektion mit dem lymphoepithelialen Nasopharynxkarzinom nach Schmincke und der Leukoplakie der Zunge bei AIDS-Patienten. Der in Europa sehr seltene Schmincke-Tumor ist in Südchina recht häufig. Die geographischen Prävalenzen des Burkitt-Lymphoms und Schmincke-Tumors sprechen für lokale Kofaktoren der Onkogenese, z.B. Malaria.

Abbildung 2: Endoskopischer Blick in den Nasenrachen bei IM mit etwas verdicktem adenoiden Gewebe und weißlich-gelblichen Belägen (gleiche Patientin wie Abbildung 1)
 
Abbildung 2: Endoskopischer Blick in den Nasenrachen bei IM mit etwas verdicktem
adenoiden Gewebe und weißlich-gelblichen Belägen (gleiche Patientin wie Abbildung 1)

Wesentlich für die IM ist eine autoimmunpathogene Komponente, die man durch das Auftreten pathognomonischer, mit bovinen Erythrozyten kreuzreagierender (=heterophiler) Antikörper in einem Hämagglutinations-Test leicht nachweisen kann, wobei andere Gewebsantikörper vorabsorbiert sein müssen. Die Erkrankung kann recht schwer und über Wochen und sogar Monate mit Rekurrenzen verlaufen. Die langfristige Prognose ist jedoch gut. Ein chronischer Krankheitsverlauf ist ungewöhnlich.

<< zur vorherigen Seite

>> zur nächsten Seite

© Prof. Dr. med. Rainer Weber, Karlsruhe