Prof. Dr. med Rainer Weber Arzt für HNO-Heilkunde | Nasennebenhöhlen  |  Allergologe  |  Plastische Operationen

Nasentamponaden und Stents | Seite 2

2 Nasentamponaden-Materialien

Grundsätzlich kann unterschieden werden zwischen den konventionellen Tamponaden, die als Formkörper-
tamponaden (= FKT) zusammengefasst werden können (Kap. 2.1), und der neuen Generation der hämostatischen/resorbierbaren/biologisch abbaubaren Tamponaden (= HT) (Kap. 2.2).

2.1.1 Gummifingerlingtamponaden (= GFT)

GFT bestehen aus einer für Bakterien und Viren dichten Latexhülle, die mit Schaumstoff gefüllt ist. Unterschiede im Herstellungsverfahren der GFT wirken sich insbesondere auf die Qualität des Latex, die Verankerung der Haltefäden im eigentlichen Fingerling und die Rauigkeit der Haltefäden aus. Zu glatte Fäden bewirken ein Verschieben des Knotens beim Zuziehen, sodass sich der Fadenspielraum verkleinert und eine vermehrte Druckwirkung auf den Nasensteg oder Nasenflügel ergeben kann. Eine eigene Herstellung von GFT im OP sollte aus Sicherheitsgründen heute keinesfalls mehr erfolgen. Latexfreie Gummifingerlinge besitzen eine inerte Kunststoffhülle (Rhinotamp latexfrei, Vostra, Aachen) oder der Schaumstoffkern ist in Polyurethan getaucht (Schaumstoffnasentamponade mit latexfreier Behautung, Spiggle & Theis, Overath).
GFT zeichnen sich durch ein insgesamt sehr gutes Nutzen-Risiko- und Kosten-Nutzen-Verhältnis aus und sind deshalb in Deutschland die Standardtamponade in der Rhinologie. Das einfache Einführen und Entfernen der GFT, die vergleichsweise geringe Traumatisierung der Schleimhaut sowie geringgradige oder fehlende Blutung bzw. Schmerzen bei Entfernung sind besondere Stärken der GFT. Die Druckwirkung auf die Schleimhaut ist steuerbar üblicherweise gering- bis mittelgradig. 
Zwei wichtige Komplikationsmöglichkeiten verlangen eine besondere Beachtung:

  • Druckschäden im Bereich des Naseneinganges (Nasensteg und Nasenflügel, siehe Kapitel 3.2),

  • die Aspirationsgefahr bei posteriorer Dislokation (siehe Kapitel 3.3).

2.1.2 Expandierbare Nasentamponaden (= ENT)

ENT bestehen vornehmlich aus Polyvinylacetal (PVA), ein Produkt (Sugomed) aus Viskose und Cellulose.

2.1.2.1 PVA-Nasentamponaden (= PVA-NT)

PVA-NT werden in vielerlei Formen und Größen angeboten und in stark komprimierter Form geliefert. Nach Kontakt mit Wasser oder Blut löst sich der eingearbeitete Kleber und die Tamponaden quellen auf, wobei sie das bis zu 20-fache des Eigengewichtes an Flüssigkeit aufnehmen. Dabei werden die Tamponaden weich und elastisch und üben je nach Verhältnis von Tamponadengröße und endonasalem Raum geringen bis mäßigen Druck aus. Ein Verschieben in der Nase ist abhängig von Rauigkeit (Porengröße) und Raumgröße nur schwer möglich. Ein wichtiger Unterschied besteht in der Porengröße. Je kleiner die Porengröße, desto geringer ist das Ausmaß des Einwachsens von Granulationen in die NT. Zudem nimmt die Rauigkeit ab. Beides führt dazu, dass Schmerzen, Blutung und Schleimhauttraumatisierung beim Einführen oder Entfernen abnehmen. Eine Verkleinerung der Poren einer PVA-Tamponade erhöht die Dichte des Materials sowie maximale Zugspannung. Die Wasseraufnahmekapazität und die Geschwindigkeit der Wasseraufnahme verringern sich. Das klassische Produkt ist das Merocel, welches sich durch eine große Porengröße auszeichnet und aus diesem Grund als die ungünstigste PVA-Variante anzusehen ist und heute in der klassischen Form, einschließlich der vergleichbaren Nachahmerprodukte, nicht mehr eingesetzt werden sollte.
Verbesserte Formen sind

  • PVA mit kleineren Poren, die zu einer verminderten Schmerzhaftigkeit beim Entfernen führen (3,08 versus 5 auf einer VAS von 0–10 bei Serie 5000) [7];

  • die beschichteten Varianten (z. B. Merocel Laminated), die seitlich mit einer Folie versehen sind, sodass hier eine stärkere Traumatisierung der Schleimhaut verhindert wird. Raue, grobporige Flächen verbleiben jedoch im oberen und unteren sowie im vorderen und hinteren Bereich;

  • antibakterielle PVA (sollen gegen E. coli, Staphylokokken, Yersinia, Serratia und Bacillus subtilis wirken).

  • Die derzeit beste diesbezügliche Entwicklung stellt Netcell dar, welches den PVA-Körper vollständig in einen Foliensack einbringt, sodass an keiner Stelle Schleimhaut einwachsen kann, sondern allseits eine glatte Oberfläche besteht (Abb. 1). Die günstige Wirkung einer vollständigen Umhüllung wird durch eine aktuelle Arbeit bestätigt [8]. Vergleichbar mit GFT und deren vollständig glatten Oberfläche gewährleistet dieses Produkt derzeit aus Sicht des Autors die geringst mögliche Traumatisierung der Schleimhaut durch eine FKT. Die Entfernung ist mindestens so wenig unangenehm, wie diejenige der GFT, eine vergleichende Studie steht aus.

Noch nicht zu bewerten ist die Neuentwicklung aus Merocel und mikrodispergierter Cellulose (Merocel hemoX, Medtronic).

2.1.2.2 Sugomed

Sugomed ist ein expandierbares Material, das in Streifenform und auch Plattenform verfügbar ist, aus Zellulose (31,3%) und Viskose (68,7 %) besteht und ebenso wie PVA-NT nach Flüssigkeitszugabe expandiert, jedoch etwas geringer als PVA-NT. Die Porengröße ist kleiner als beim klassischen Merocel, sodass die Entfernung angenehmer, jedoch immer noch traumatischer ist als bei Tamponaden mit glatter Oberfläche. Besonderer Vorteil gegenüber PVA ist, dass das Material individuell hinsichtlich der Größe und Länge zugeschnitten werden kann und bei Verwendung eines langen Streifens eine beidseitige Applikation über den Nasensteg möglich ist. Auch hier muss auf die Protektion des Nasenstegs geachtet werden.

Abb. 1 Netcell-Tamponade aus PVA-Kern mit vollständiger Kunststoffumhüllung: leicht und atraumatisch einzubringen und zu entfernen.
Abb. 1
Netcell-Tamponade aus PVA-Kern mit vollständiger Kunststoffumhüllung: leicht und atraumatisch einzubringen und zu entfernen.

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© Prof. Dr. med. Rainer Weber, Karlsruhe