Prof. Dr. med Rainer Weber Arzt für HNO-Heilkunde  |  Allergologe  |  Plastische Operationen

Gastroösophageale Refluxkrankheit und chronische Sinusitis (Seite 2)

Einleitung

'Eine gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD) liegt dann vor, wenn durch Reflux von Mageninhalt in die Speiseröhre ösophageale bzw. extraösophageale organische Manifestationen hervorgerufen werden oder Symptome mit Beeinträchtigung der Lebensqualität resultieren [1]. Sie ist in den Ländern der westlichen Welt außerordentlich häufig und betrifft mindestens 15-25% der Bevölkerung [1-3].

Extraösophageale Manifestationen der GERD fanden sich in der Auswertung von 6215 Patienten der ProGERD Studie in 32,8% [4]. Nach Assoziationen mit Erkrankungen der unteren Atemwege [5] werden zunehmend auch Zusammenhänge zwischen HNO-Erkrankungen und der gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) beschrieben, wobei Erkankungen des Larynx und der Trachea im Vordergrund stehen [6-10]. Bei 4,8% der Patienten der ProGERD Studie fanden sich Larynxerkrankungen [4]. Mittlerweile wird der Reflux insoweit differenziert, ob er nur die Speiseröhre betrifft oder auch direkt den Pharynx und Larynx erreicht, der sogenannte laryngopharyngeale Reflux (LPR; Synonyme nach [11]: atypischer Reflux, extraösophagealer Reflux, gastropharyngealer Reflux, laryngealer Reflux, pharyngoösophagealer Reflux, Refluxlaryngitis, supraösophagealer Reflux), also ein gastroösophagealer Reflux, der Larynx und Pharynx betrifft [11]. 
Verschiedene Autoren haben auf einen möglichen Zusammenhang zwischen GERD bzw. LPR und einer chronischen Rhinosinusitis hingewiesen [12-23]. Eine aktuelle Übersichtsarbeit geht auf den gastroösophagealen Reflux (GER) oder LPR bzw. die GERD als möglicherweise pathophysiologisch bedeutsamen Faktor nicht ein [24]. Ob es eine ausreichende Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Reflux und chronischer Sinusitis gibt, sollte anhand der vorliegenden Literatur geprüft werden. Hierzu sollten der derzeitige Wissensstand zusammengetragen und die verschiedenen Arbeiten hinsichtlich des Evidenzniveaus der Untersuchungen überprüft werden.

Material und Methode

Es wurde eine Recherche in Medline (PubMed unter www.ncbi.nlm.nih.gov/entrez/query.fcgi) und EMBASE mit den Stichworten „GERD, GER, reflux, sinusitis, chronic sinusitis“ durchgeführt (Juli 2003). Die erhaltene Literatur wurde hinsichtlich der vorliegenden Ergebnisse und ihrer Evidenz ausgewertet. In den gefundenen Arbeiten wurde nach weiterer etwaiger Literatur gesucht, die über die Recherche nicht gefunden wurde.
Die Klassifikation des Evidenzniveaus erfolgte nach den bekannten Kriterien unter der Einteilung in 4 Level (siehe z.B. unter www.cochrane.de - eine ausführlichere Liste findet sich unter der Internetseite
cebm.net/levels_of_evidence.asp des Centre for EBM Oxford).

Level Ia: 
Level Ib: 
Level IIa: 
Level IIb:
Level III: 
Level IV:    
Mehrere randomisierte, kontrollierte Studien beziehungsweise deren Metaanalyse
Einzelne randomisierte, kontrollierte Studie
Gut geplante nichtrandomisierte, kontrollierte Studien
Gut geplante experimentelle Studie
Gut geplante nichtexperimentelle Studie, Vergleichsstudie, Korrelations- oder Fall-Kontroll-Studie
Nicht evidenzbasierte Expertenmeinung

Als ausreichende Evidenz für durch Therapiestudien gesicherten Erkenntnisgewinn wurde gewertet, wenn Level-I-Studien vorlagen.

Ergebnisse

Es fanden sich insgesamt 77 Literaturstellen in Medline und 142 in EMBASE, wobei sich der größte Teil im Sinne von narrativen, d.h. nicht systematischen Übersichtsarbeiten auf den Zusammenhang von GERD / Reflux oder Sinusitis und Asthma bzw. GERD / Reflux oder Sinusitis und chronischem Husten befasste. Nur 12 Arbeiten [12-23] sowie ein Fallbericht [24] befassten sich mehr oder weniger direkt mit der Zusammenhangsfrage chronische Rhinosinusitis – Reflux. 
Keine der Arbeiten war als randomisierte, kontrollierte Studie (Evidenzlevel 1) einzustufen, 10 Arbeiten entsprachen einem Level III; je eine Level IIb und IV (Tabelle 1): 

[12]: Prospektive Untersuchung an 22 Kindern (Durchschnittsalter 7,5 Jahre, Spannweite 15 Monate bis 15 Jahre), die entsprechend einer 7-Punkte-Skala an einer chronischen Sinusitis litten (unter anderem persistierende Nasensekretion und Nasenatmungsbehinderung, chronischer Husten). 16 der 22 Kinder zeigten bei einer 24-Stunden-pH-Metrie einen signifikanten gastroösophagealen Reflux. Unter einer Antirefluxtherapie kam es nach durchschnittlich 3-4 Monaten zu einer deutlichen Besserung bei 10 und einer teilweisen Besserung bei 3 Kindern. 

[13] : Retrospektive Auswertung der Krankengeschichten von 30 Kindern im Alter von 1-16 Jahren, die wegen einer chronischen Sinusitis und vor der geplanten Operation zum Ausschluss eines Refluxes in der gastroenterologischen Abteilung untersucht wurden. Die Diagnose einer chronischen Sinusitis war anhand einer 7-Punkte-Skala gestellt worden: Nasenatmungsbehinderung, eitrige Nasensekretion, postnasale Sekretion, chronischer Husten, Halitosis, Kopfschmerzen, Verhaltensänderungen. Alle Kinder zeigten Hinweise eines Refluxes entsprechend einem oder mehreren pathologischen Ergebnissen in den Untersuchungen Anamnese, 23-Stunden-pH-Metrie, direkte Laryngotracheoskopie oder Röntgen-Breischluck. 24 Monate nach einer medikamentösen Antirefluxtherapie ergab sich eine Erfolgsrate von 89 %, d.h. 25 von 28 Kindern mussten aufgrund der deutlichen Symptombesserung nicht operiert werden. Zwei Kinder waren zwischenzeitlich wegen „contact point disease“ operiert worden.

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© Prof. Dr. med. Rainer Weber, Karlsruhe