Prof. Dr. med Rainer Weber Arzt für HNO-Heilkunde | Nasennebenhöhlen  |  Allergologe  |  Plastische Operationen

Nasentamponade nach FESS - ein Auslaufmodell? (Seite 4)

Zusammenfassende klinische Wertung

Nasentamponaden sind einerseits bei einer Reihe von Indikationen nötig, z. B.

  • Bei Patienten mit Gerinnungsstörungen, die sich trotzdem einer NNH-Op unterziehen müssen,

  • bei persistierender Blutung am Ende der Op trotz sorgfältiger Koagulation an erkennbar blutenden Stellen (diffuse Blutung) und

  • bei einem „erhöhten" Nachblutungsrisiko.

Das Argument der vermehrten Sicherheit zur Vermeidung einer Nachblutung und damit verbundener Risiken für den Patienten (Blutverlust, kardiovaskuläre Risiken, Schock, Obstruktion des Larynx mit Erstickungsgefahr, Aspiration von Blut) ist unter Berücksichtigung einer grob geschätzten Wahrscheinlichkeit gegen die Risiken der NT abzuwägen.
Am Ende der Operation muss sorgfältig geprüft werden, ob NT nötig ist, ob spezielle Risiken vorliegen, die für oder gegen eine NT sprechen. Dies sollte wenn möglich schon vor der Operation mit dem Patienten besprochen werden. Manche Patienten haben sehr große Angst vor der tamponierten Nase und wollen eine NT auf jeden Fall vermeiden. Es muss dann in Kauf genommen werden, dass die Nase über Nacht eine geringgradige blutige Sekretion aufweist, die den Patienten verunsichern kann. Lanny Close, New York, erklärt seinen weiblichen Patienten, dass sei so ähnlich wie bei der Monatsblutung, womit diese gut umgehen können und sich gut aufgeklärt und beraten fühlen. Andererseits ist auch nach dem Einbringen einer NT eine teils blutige Sekretion anterior und posterior nicht ungewöhnlich. Eine freie Nasenatmung nach FESS kann durch folgende Massnahmen mit je eigenen Vor- und Nachteilen erzielt werden:

  • Vermeidung einer NT bei geeigneter Op-Technik (moderne FESS, cave Muschelchirurgie),

  • Verwendung einer HT im Siebbein und

  • gezielte FKT-Applikation in den NNH (GFT, laminierte/ umhüllte ET/ PVA, schlanke Rapid Rhino).

NT bleiben trotz aller sinnvollen Bemühungen, sie zu umgehen, ein notwendiges Rüstzeug. Es sollte immer eine umfassend funktionsfähige Auswahl vorhanden sein, um im nicht vorher gesehenen Blutungsfall geeignet reagieren zu können. Eine Nasentamponade, die für alle klinischen Fälle sehr gut geeignet ist, gibt es nicht. Der HNO-Arzt sollte deshalb verschiedene Nasentamponaden zur Verfügung haben, sofern er den individuellen Patienten gut behandeln möchte. Der Autor verfährt derzeit so:

  • Versuch der Vermeidung einer NT nach „normaler" endonasaler Op

    • Atraumatische FESS-Technik;

    • Naht des Septums in der Technik nach Wormald oder andersartige Matratzennaht;

    • Chirurgie der mittleren Nasenmuschel:

      • Erhalten oder

      • Laterales Ausdünnen/Resektion (bei verdickter Muschel oder Concha bullosa) unter sorgfältiger Schonung des Hauptastes der A. sphenopalatina und gleichzeitige Koagulation im dorsalen Bereich der Massnahme,

      • Ggf. Medialisation mittels transseptaler Naht;

    • Chirurgie der unteren Nasenmuschel:

      • Belassen,

      • Lateralisieren,

      • Turbinoplastik nach Simmen (häufiger) oder

      • Submuköse Resektion des Osturbinale von vorn,

      • Sehr (!) selten Abtragen überhängender Schleimhaut, wenn trotz Abschwellens und Turbinoplastik die Nase okkludiert wird mit der schlanken Schere nach Simmen (alternativ Mikrodebrider) und gleichzeitige Koagulation des Absetzungsrandes,

      • Sehr (!) selten gleichsinniges Abtragen überhängender Schleimhaut des hinteren Endes, wenn dieses die Choane okkludiert, ebenso mit der schlanken Schere nach Simmen oder dem Mirkodebrider und gleichzeitige Koagulation des Absetzungsrandes,

    • Wird eine Formkörpertamponade zur Blutstillung nach komplikationsloser NNH-Op für notwendig erachtet, sollte eine atraumatische NT gewählt werden: GFT, laminierte
      PVA-NT oder umhüllte PVA-NT (bzw. entsprechende ET),
      Rapid Rhino mit Schaumstoff. Abhängig von der individuellen Situation wird die NT am Op-Tag abends oder nach 1-2 Tagen entfernt - eine längere Verweildauer macht unter diesem Aspekt wenig Sinn.

    • Ist die Okklusion intendiert, die die Wundheilung beschleunigt [16] und abgesehen von der Nasenatmungsbehinderung keine negativen Aspekte in sich birgt, ist eine längerfristige Abschottung der zu okkludierenden Wundflächen nötig. Dies wird am einfachsten, kosteneffektiv und hoch wirksam durch Zukleben des Naseneinganges mit einem Papierpflaster erreicht (ein- und/oder beidseitig). Es
      - wird ein feuchtes endonasales Milieu geschaffen,
      - kann die trockene Nase und
      - eine ausgeprägte postoperative Verkrustung

    • damit sehr effektiv therapiert werden. Die Okklusion wird solange aufrecht erhalten bis eine ausreichende Abheilung erzielt ist. Nach „normaler" Pansinusoperation scheint eine Woche ausreichend, in der Tumorchirurgie wählt der Autor längere Zeiträume. Eine Applikation von Salben, Nasenspülungen oder zeitaufwändiges und unangenehmes Absaugen entfallen in dieser Zeit üblicherweise. Das anscheinend vermehrte Sekret führt nicht zur häufigeren Superinfektion, da die körpereigenen Abwehrfaktoren in diesem Sekret optimal wirksam werden können. Einziger Nachteil ist die behinderte Nasenatmung während der Zeit der Okklusion.

Der entscheidende Schritt weg von der routinemäßigen NT liegt nach eigener Erfahrung, persönlicher Anschauung verschiedener Operateure in unterschiedlichen Ländern und entsprechend der Literatur in der Operationstechnik der NNH-Op:

  • Eine sorgfältige, nahezu immer Endoskop gestützte und dabei optimal visualisierende, atraumatische Vorgehensweise (anatomisch orientiertes Vorgehen Zelle für Zelle, Einsatz des Mikrodebriders, Verwendung durchschneidender Zängchen),

  • die Vermeidung unn ötiger resezierender Massnahmen an den Nasenmuscheln,

  • die präzise und disziplinierte Blutstillung am Ende der Operation (dies kann 20 min dauern!) und

  • die eingehende Aufklärung des Patienten über die postoperative Situation und seine Bereitschaft, eine etwas vermehrte postoperative Sekretion zu tolerieren.

Um auf die im Titel gestellte Frage abschließend einzugehen, soll die Antwort im Sinne eines Ja und Nein differenziert gegeben werden:

  • Tamponaden zur Blutstillung nach exzessiver Muschelchirurgie: ein Auslaufmodell.

  • Tamponaden zur Blutstillung bei diffuser Blutung aus einem größeren endonasalen Wundgebiet: im Einzellfall notwendig und sinnvoll.

  • Tamponaden zur mäßigen Kompression des Nasenseptums zur Vermeidung eines Septumhämatoms: abhängig von der Operationstechnik im Einzelfall sinnvoll (alternative Op-Technik ohne NT: Splint, Septumschienen, Matratzennaht).

  • Nasentamponaden zur Gewä hrleistung einer verbesserten Wundheilung: sinnvoll, aber derzeit kein kommerzielles Produkt verfügbar, dem diese Eigenschaft spezifisch innewohnt.

  • Nasentamponaden zur Gewährleistung einer Okklusion: sinnvoll.


Bei Vergleichen zwischen NT ist allerdings zu beachten, welche NT miteinander verglichen werden. Aus Sicht des Autors unterliegen sehr viele, auch hochwertige Studien einem methodischen Mangel, der sich dann auch in die zusammenfassende Bewertung der Übersichtsarbeiten fortsetzt. Als Vergleich für zu testende Substanzen wurde z. B. keine Tamponade gewählt oder Merocel als Standardtamponade. Keine Tamponade bedeutet zumindest zum Teil trockene Wundheilung. Austrocknung führt zur Verzögerung der Wundheilung und stellt durch die oberflächliche Nekrosebildung einen Risikofaktor für die Entstehung von Adhäsionen und Synechien dar. Wundheilung im trockenen Milieu ist deutlich schlechter als im feuchten Milieu [16]. z.B. durch einfaches Zukleben der Nase. Merocel muss aufgrund der oben dargestellten Eigenschaften als deutlich suboptimale, heute eigentlich nicht mehr einzusetzende Tamponade angesehen werden. Über die grobporige Struktur ist grundsätzlich eine erhöhte Granulationsneigung und nachfolgend erhöhte Adhäsionsbildung zu erwarten. Unter diesem Aspekt ist die schlussfolgernde Aussage einer vergleichenden Studie (Merocel gegen keine Tamponade), dass Merocel die Wundheilung weder verbessere noch verschlechtere im Grundsatz nicht zulässig bzw. falsch, da „keine Tamponade" ein Austrocknen und damit eine grundsätzliche Verschlechterung der Wundheilung bedeutet
Wünschenswert und notwendig wären Studien, die günstigere Tamponaden (z. B. GFT, umhüllte PVA-NT) oder ein einfaches Zukleben als Vergleich wählten.

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© Prof. Dr. med. Rainer Weber, Karlsruhe